KRITIK 3 – WER BLINZELT HAT ANGST VOR DEM TOD

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aarhus4Rassismusepos mit Krähenschrei und kräftig Schaum vorm Mund

Theater: Wer blinzelt, hat Angst vorm Tod gewinnt seine Kraft durch seine vielen konkreten und gut beschriebenen Beispiele, durch das Schauspiel und durch die Regie.

Ein Wortschwall der deftigsten Sorte. So fühlt es sich an, wenn man zu Krzysztof Minkowskis sehr gelungener Inszenierung von Knud Romers Debütroman die Ohren spitzt. Die Worte stürzen aus Jonas Littauer und Mille Maria Dalsgaard geradezu heraus. Die Repliken werden von den beiden Darstellern dieses 2-Mann-Stücks gespien, gezischt, gefaucht, geschrien, rausgeprügelt und sogar ausgesabbert. Nonstop. In einem 90-minütigen, unerbittlich heftig reißenden Strom. Das hier soll wehtun – und das tut es. Mal stehen die Schauspieler mucksmäuschenstill, mal sind ihre Körper ein Pulverfass mit brennender Lunte. Sie werfen sich teenagerwild zu verbotener Radio-Luxemburg-Musik aus dem Transistorradio durch den Raum. Sie tanzen eng umschlungen wie junge Verliebte. Sie schreien und gebärden sich wie Krähen, die mehr als nur den Vogel beschreiben – als Ausdruck für die ganze teuflische Bosheit, die Familie Romer zur Beute ausersehen hat. In einer weiteren ergreifenden Szene legt Littauer bei der sich auf dem Boden windenden Dalsgaard den eisernen Griff an, was aussieht wie bei einem Henker, der sein Opfer nicht entkommen lassen wird. Und immer und immer strömen die Worte heraus, nicht als ‚normale‘ Dialoge. Littauer und Dalsgaard geben Knud Romer und seiner Mutter sowie auch einem Meer an anderen Rollen eine Form. Wir sollen eben nicht in seelische Empathie eingelullt werden. Über Repliken in der 3. Person, über eingestreute Lieder und über eine Theaterform, die alles in allem deutlich darauf aufmerksam macht, dass das hier Theater ist, sollen wir dazu gebracht werden, uns mit dem, was wir erleben und dessen Teil wir sind, kritisch auseinanderzusetzen. Es ist eine Theaterform á la Brecht, die sehr gut zu der Unterdrückungsgeschichte passt, mit der wir konfrontiert werden.

Littauer und Dalsgaard bauen die Figurengalerie mit festgefrorenem Lächeln, mit Schrecken, Grausen, Verbitterung, Wut, Leere, Furcht, Freude, Liebe, Zärtlichkeit, Feindseligkeit und beharrlicher Siegessicherheit, die sich nicht nur in ihren Blicken, sondern sich auch vibrierend präsent im ganzen Körper zeigt. Manchmal gehen die beiden Schauspieler mit ihrer Körpersprache mit dem Text, manchmal gehen sie gegen den Text. Doch das ganze Stück hindurch gestalten sie ihre Rollen so, als ob sie selbst besessen und vergewaltigt worden wären durch die rassistische Unterdrückung, die Knud Romer erlebte. Die schauspielerischen Leistungen, vor allem Dalsgaards, sind herausragend.

Lederhosen und Weihnachtsbaum
Während sich im Hintergrund unaufgeregt Grafiken abwechseln, die jeweils das Haus, das Straßenbild, einen Kirchenraum und Felder illustrieren, spielen die Schauspieler Knud Romers Kindheitsmartyrium durch. Romer wuchs in Nykøbing / Falster zusammen mit seiner Mutter Hildegard Lydia Voll auf, die als Deutsche in dem kleinen Provinzkaff verspottet und verhasst war. Es war hier, wo sie sich in Knud Romers Vater verliebte. Hier brachte sie Knud Romer zur Welt. Aber auch hier wandte ihr die ganze Stadt den Rücken zu – effektvoll konkret erzählt, z.B. bei einer Einkaufstour, auf der man ihr saure Milch und ranzige Butter verkauft. Hildegard hielt stets an allem Deutschen fest; servierte deutsches Essen – auch zu Knuds Geburtstag, kleidete Knud in Lederhosen, schmückte den Weihnachtsbaum in deutscher Manier und vieles mehr. In dieser intoleranten Provinzstadt bedeutete dies für Knud Romer, nicht nur miterleben zu müssen, wie seine Mutter zum Hassobjekt wurde, sondern auch selbst gemobbt und als Deutschenschwein beschimpft zu werden. Das hieß in der Konsequenz, dass Knud Romers Vater – nachdem er mit ansehen musste, wie er und seine Familie immer wieder vom Gemeinschaftsleben ausgeschlossen wurden – alle seine Freizeitinteressen fallen ließ. Die Familie schloss sich sowohl physisch als auch mental in den eigenen vier Wänden ein. Hier lebten sie verhasst und verstoßen als eine Familie, die schon längst tot war.
Galgenhumor und Borniertheit

Wer blinzelt, hat Angst vorm Tod gewinnt seine Kraft durch seine vielen konkreten und gut beschriebenen Beispiele, durch das Schauspiel und durch die Regie. Es geht hier nicht darum herauszufinden, zu welchem Grad Knud Romer (aus dessen Blickwinkel wir das alles erleben) in dieser Autobiographie, welcher die Inszenierung im Übrigen ziemlich eng folgt, etwas dazugedichtet und ausgelassen hat. Das Anliegen des Buches und der Inszenierung ist es, wie ich es erlebe, auf Unterdrückung, Intoleranz und Borniertheit aufmerksam zu machen sowie die fatalen Konsequenzen für die, die all diesen Dingen ausgesetzt werden. Es ist die knechtende Unterdrückung, die hier kompromisslos aufgezeigt wird. Hier ist nicht viel Hoffnung zu ernten. Vielleicht aber doch in dem grotesken Galgenhumor, den die Inszenierung durchsickern lässt – als eine Art Gegengift zu all dem Grauen. Danke für diese Wahl.

Kirsten Dahl – Aarhus Stiftstidende – 08.05.2013