KRITIK 2 – WER BLINZELT HAT ANGST VOR DEM TOD

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Heimatliebe und Deutschlandhass

Dass Knud Romers selbstbiografischer Roman fast zu Wortgenau wiedergegeben wird, könnte ein Einwand gegen die Inszenierung »Wer blinzelt hat Angst vorm Tod« von Knud Romer sein. Auf der anderen Seite ist die Romersche Kindheit so stark, so brutal, so schmerzvoll – und manchmal fast galgenhumoristisch, dass eine zusätzliche Szenenbearbeitung unter Umständen das Drama zu pathetisch, hochtrabend oder gar unglaubwürdig erscheinen lassen würde. Stattdessen verwendete die Kooperation zwischen Teater Momentum und Teater Katapult Bertolt Brecht und seine Ideen vom epischen Theater roten Faden für den Umgang mit dem Publikum und die Konfrontation der Zuschauer mit dem Thema. Weil dann sitzen wir plötzlich da. Wir fühlen mit dem Jungen Knud, dem kleinen Knüdchen. Und mit seiner Mutter, Hildegard, die wie eine Paria oder ein Alien in Nykøbing in Falster gelandet ist und mit ihren Weltfrauen-Attitüden und ihrem deutschen Akzent dort überhaupt nicht hinpasst.Aber gleichzeitig spüren wir auch unsere Schuld und leiden vor Scham. Die wenigsten von uns haben hoffentlich nicht solch offensives Mobbing begangen, wie das, dem Knud Romer und seine Mutter ausgesetzt waren, aber alle haben wir eine Prise Deutschlandhass in uns (gehabt).

Der Krieg, der nie aufhörte

Ob es von Oma und Opa oder von den Sommerhausvermietern kommt, es gibt immer noch – fast 70 Jahre nach dem 2. Weltkrieg – eine Art Erbsünde, die wir offenbar unseren Nachbarn nicht verzeihen können. Vielleicht weil dieser Krieg als einziger so deutlich in seiner Definition eines Feindbildes war. Als Knud Romer, gespielt von Jonas Littauer, konstatiert »hörte der zweite Weltkrieg nie auf. Nykøbing war immer noch besetzt.« Die zwei Schauspieler auf der Bühne erzählen in der Regie von Krzysztof Minkowski die Geschichte chronologisch. Jonas Littauer spiegelt Knud Romers schnelle falstersche Sprache und Mille Maria Dalsgaard schafft es, in der Rolle der Mutter Hildegard eine Verletzbarkeit mit sowohl eisernen Willen wie auch eisernem Kreuz zu kombinieren. Und es war gerade der Orden, das eiserne Kreuz, das Hildegard zum Verhängnis wurde. So eine schwere Verpflichtung dem Vaterland gegenüber, die sie nie losgelassen hat, und mit der sie sich stur die Anderen vom Leibe hielt. Hildegard war das Opfer, aber im Einmann-Krieg gegen das Dänischsein opferte sie sowohl Mann als auch Sohn. Deutsch wie klassische Bildung, Deutsch wie starke Traditionen, Deutsch wie Weltsicht – und nicht Deutsch wie Undeutsch (auf Dänisch »Utyske«, was so viel bedeutet wie Monster). Knud Romers preisgekrönte Biografie hat, als sie erschien, großen Eindruck hinterlassen.

Diesen wortwahnsinngien Roman von zwei bemerkenswerten Charakteren spielen zu lassen und dabei einen sinnstiftenden Kontext zu erhalten, ist eine theatrale Herausforderung. Aber am Ende gewinnt diese Entscheidung, weil spürbar wird, dass die zwei Schauspieler es schaffen, in die Tiefen der Seelen von Knud Romer und seiner Mutter einzutauchen. Ob es der Wahrheit nahe kommt, weiß nur der Autor. Aber dieser hat den Roman so kraftvoll geschrieben, dass er aus persönlichen Gründen die Premiere nicht erleben wollte.

Fyens Stifttidende am 4.5.2013 von Iben Friis